Rückblick zum Anlass des 125-jährigen Jubiläums des Bündnerischen Hilfsvereins für psychisch kranke Menschen

Für das Jubiläum von Hans Joss, Aktuar des Hilfsvereins, nach alten Protokollen und Berichten zusammengestellt.

Ein nicht alltägliches Ereignis – ein 125-jähriges Jubiläum – erlaubt, auch einmal „in eigener Sache“ rückwärts zu schauen und sich mit den Anfängen und der Entwicklung des Jubilars auseinanderzusetzen. Der Hilfsverein, vor allem natürlich dessen Exponenten, nahm in der Entwicklung der Psychiatrie im Kanton Graubünden eine sehr bedeutungsvolle Stellung ein. Immer hängt einer solchen Darstellung auch etwas Zufälliges an. Die Leser mögen deshalb verzeihen, wenn einzelne Etappen dieser spannenden Geschichte vielleicht nicht oder zu wenig deutlich hier auferstehen. In unserer heutigen Gesellschaft, die sich vor allem mit den kommenden Fragen auseinandersetzen muss, darf der Rückblick nicht zu viel Zeit beanspruchen. Andererseits zeigt die Geschichte des Hilfsvereins und der Psychiatrie in unserem Kanton Graubünden, dass Überzeugungskraft und Weitblick einzelner Persönlichkeiten neuen Erkenntnissen zum Durchbruch verhelfen. Und alles Neue benötigt anfänglich und immer wieder Pioniergeist!

Gründung des Vereins…

Am 1. Oktober 1877[1] gründete Dr. Johann Friedrich Kaiser in Thusis mit seinen Freunden Dr. Paul Lorenz und Dr. Eduard Killias den „Bündnerischen Hülfsverein für Geisteskranke“. Dieser Verein sollte fortan mit Mitgliederbeiträgen, Basaren und Vermächtnissen die Mittel für den Bau einer Heil- und Pflegeanstalt in Graubünden zusammen bringen. Bis zu deren Eröffnung sollte er durch finanzielle Beiträge die Platzierung von geisteskranken Menschen aus Graubünden in ausserkantonale Kliniken ermöglichen[2].

…im damaligen Kontext

Psychiatrie als Spezialgebiet[3] der Medizin gibt es noch keine 200 Jahre. Zwar gab es Geisteskrankheiten seit es Menschen gibt, Psychiatrie als Fachbereich entstand aber erst um 1800 und erwarb sich erst um 1850 Gastrecht in der Medizin. In der Zeit der Aufklärung entstanden psychiatrische Vereine und erste Ärzte wandten sich ausschliesslich der Behandlung Geisteskranker zu. Der Anstoss dieser Bewegung kam Ende des 18. Jahrhunderts aus Paris. Dort kümmerte sich mit Dr. Philippe Pinel erstmals ein Arzt in prominenter Stellung um eine grössere Anzahl geisteskranker Menschen.

Die Schweiz stand dieser Entwicklung anfänglich wenig offen gegenüber. In der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden aber auch in unserem Land in verschiedenen Kantonen Psychiatrische Kliniken[4], so auch in Graubünden – und hier eben sehr ursächlich durch die immense Arbeit und den unermüdlichen Einsatz des Hilfsvereins, speziell aber seines Präsidenten Dr. Kaiser.

Hierzulande war einigen wenigen Geisteskranken vorher mit der Eröffnung der Korrektionsanstalt Fürstenau im Jahr 1840 Aufnahme gewährt worden. Die kantonale Armenkommission[5] hatte zuvor den Grossen Rat ersucht, von Kantons wegen für einige unheilbare Irre zu sorgen. Als die Korrektionsanstalt dann im Jahr 1854 von Fürstenau nach Realta übersiedelte, richtete man im dortigen Neubau aus den schwierigen Erfahrungen von Fürstenau heraus eine spezielle Abteilung für psychisch kranke Menschen ein. Aber auch dies sollte sich in der Folge nicht bewähren: Die Verbindung von Korrektions- und Irrenanstalt erwies sich als unhaltbar. Im Interesse der erkrankten Menschen erwog man deswegen die Gründung einer speziellen Irrenanstalt, einer Forderung, die schon 1825[6] erhoben worden war. Die grosse Armut im Kanton aber verbot grosszügige Lösungen[7].

Erfassung geisteskranker Menschen [8]

Eine im Auftrag der Regierung durchgeführte Erhebung zeigte im Jahr 1874 schliesslich, dass im Kanton rund 200 geisteskranke Menschen teils in misslichsten Umständen lebten. Diese Untersuchung war wesentlich von Dr. Kaiser initiiert worden, der dem Sanitätsrat des Kantons angehörte.

Die Errichtung einer Anstalt kam aber erst dann in Fluss, als sich gemeinnützig denkende  Menschen der Sache annahmen. Allen voran gilt es hier Dr. med. Johann Friedrich Kaiser zu erwähnen, der sich überhaupt als Förderer des bündnerischen Gesundheitswesens und als erster Präsident des Bündner Hilfsvereins grösste Verdienste erwarb. Dank hartnäckiger Überzeugungsarbeit und intensivster Bemühungen der Vorstandmitglieder bewilligte der Kanton jährlich Fr. 10’000.- und später Fr. 15’000.- für den Bau einer Irrenanstalt. Ein kantonaler Irrenfonds wurde eröffnet, dem man anfänglich auch Überschüsse aus der Rechnung von Realta sowie verschiedene Vermächtnisse überwies.

Baron Clemens von Loë aus Westfalen

Der Bau der Klinik hätte aber erst wesentlich später verwirklicht werden können, wenn nicht im Jahr 1883 Baron Clemens von Loë aus Westfalen dem Kanton Graubünden sein ganzes Vermögen von mehr als einer halben Million Franken für den Bau einer somatischen Krankenanstalt für unbemittelte Kranke vermacht hätte. Baron von Loë habe in Graubünden seine schönste Lebenszeit erlebt und sich hier besonders wohl gefühlt. Baron von Loë willigte schliesslich ein, dass dem Stiftungskapital ein Teil von Fr. 150’000.- entnommen und für den dringend benötigten Bau einer Irrenanstalt verwendet werde[9].

Im Gegenzug quasi wurde die so genannte „Loë-Abteilung“ ins Baukonzept Waldhaus aufgenommen und eingerichtet: In dieser somatischen Abteilung wurden 20 Patienten wegen chronischer Körperleiden behandelt. Mit dem Aufbau der Krankenversicherungen und dem dem Bau des Kantonsspitals im Jahr 1940 konnten die Mittel der Loë-Stiftung dem eigentlichen Zweck des Donators zugeführt werden.

Der Bau der Irrenanstalt

Am 6. März 1889 verabschiedete der Grosse Rat zu Handen der Volksabstimmung die Botschaft zur Finanzierung des Baus mit einem kantonalen Beitrag von Fr. 430’000.-[10].

In einem ausführlichen Abstimmungsaufruf wandte sich der ganze Vorstand des Vereins[11] an die Stimmbürger und bat eindringlich um Zustimmung und stellte gleichzeitig fest, der Verein wäre, im Falle einer Ablehnung der Vorlage, nicht mehr in der Lage, im gleichen Ausmass wie bisher Unterstützungen zu leisten.

Die Bevölkerung aber gewährte am 9. April 1889 „in einem Sturm der Begeisterung und Theilnahme und mit seltener Einigkeit[12]“ dieser Vorlage mit einem Stimmenverhältnis von 11’230 Ja- und lediglich 391 Nein-Stimmen ihre überwältigende Zustimmung. Der Hilfsverein stellte sein gesamtes Vermögen von Fr. 118’000.-  für den Bau der Klinik zur Verfügung. Damit konnte für eine geplante Bettenzahl von 200 der Neubau in Angriff genommen werden[13]. Bezüglich des Standortes der Irrenanstalt standen verschiedene Möglichkeiten[14] offen: schliesslich fiel der Entscheid des grossen Rates auf Chur, wo das Gut Waldhaus von der Bürgergemeinde erworben werden konnte.

Am 29. Mai 1892 fand die Eröffnungsfeier[15] der Klinik bei sehr heissem Wetter und unter reger Teilnahme der Behörden und der Bevölkerung statt. In seiner Eröffnungsansprache freute sich Regierungspräsident Walser, dieses lange ersehnte Werk nun seinem Zweck übergeben zu dürfen.

Diese Geschichte fand im Kanton auch Eingang in den Schulunterricht. Im Lesebuch[16] der deutschen Primarschulklassen wird die Geschichte der Psychiatrie und des Hilfsvereins dargestellt und den Kindern vermittelt.

Neue Ziele des Hilfsvereins

Nachdem der Hilfsverein sein grösstes Ziel mit der Eröffnung der Klinik Waldhaus erreicht hatte, revidierte die Generalversammlung vom 21. November 1892 die Vereinsstatuten: Fortan bestand der Zweck des Vereins[17] in der Hebung der öffentlichen Irrenpflege sowie in der Unterstützung von armen Geisteskranken und deren Angehörigen mit Rat und Tat.

Diese Zielsetzungen wollte der Verein auf drei Ebenen erreichen:

Der Mitgliederbeitrag wurde auf Fr. 1.- pro Jahr oder einmalig („lebenslänglich“) auf Fr. 30.- festgelegt. Der Verein verfügte über ein Netz von so genannten Korrespondenten, von Personen, häufig die Pfarrämter, die Mitglieder warben und Mitgliederbeiträge einsammelten.

Dr. Kaiser blieb weiterhin Präsident des Hilfsvereins und wurde gleichzeitig aber Präsident der Aufsichtskommission der Klinik Waldhaus. Diese nahm am 20. Juni 1892 ihre Tätigkeit mit Patienten auf. Am 15. Dezember 1899 starb Dr. Kaiser[18]. Er hinterliess der Klinik Waldhaus ein Legat[19] von Fr. 100’000.- und dem Hilfsverein eines von Fr.10’000.-. Der Hilfsverein widmete ihm in seinem Jahresbericht 1899-1902 einen ausführlichen Nachruf[20]

[1] Dr. J. B. Jörger; 50 Jahre Anstalt Waldhaus, Rätia, Bündnerische Zeitschrift für Kultur, V. Jahrgang, 1941/42

[2] Der Zweckartikel der Gründungsstatuten zählt 4 Ziele auf:
a) Verbreitung richtiger Ansichten über die Geisteskrankheiten und das bei denselben von den Angehörigen der Erkrankten und den Gemeinden einzuschlagende Verfahren;
b) Anstrebung der Gründung einer kantonalen Irren-, Heil- und Pflegeanstalt;
c) bis zur Erstellung einer solchen Unterbringung von Irren namentlich ärmerer Classen in ausserkantonalen Anstalten;
d) Hülfe mit Rath und That für aus Irrenanstalten entlassene genesene oder gebesserte oder in solchen nicht unterzubringende Kranke;
e) Sammlung von Geldern zur Bildung eines Fonds, sowohl zur Unterstützung armer Geisteskranker als zur Gründung eines kantonalen Irrenhauses.“

[3] Hans H. Walser, Historische Grundlagen der heutigen Psychiatrie in Graubünden, Beiträge zur Geschichte der Medizin und des Ärztestandes

[4], St. Pirminsberg Pfäfers um 1850, Waldau Bern um 1850, Rosegg Solothurn um 1860, Rheinau um 1867, Burghölzli Zürich um 1870, Waldhaus Chur um 1892

[5] Pieth Friedrich., Bündnergeschichte, Schuler, Chur, 1982, S. 501 ff.

[6] Ein Gutachten von Oberstleutnant von Planta wies bereits 1825 einen Bedarf von 16 Plätzen für Irre aus . 15 Jahre später wurde 1840 in Fürstenau die Korrektionsanstalt eröffnet, die „arbeitsscheuen“ Menschen Beschäftigung bot. Quelle: Kurze Zusammenfassung der dokumentarischen Ausstellung „100 Jahre  Psychiatrie Graubünden“, zusammengestellt im Oktober 1992 von Dr. Suzanne Bundschu, der heutigen Präsidentin des Hilfsvereins.

[7] Die Armut im damals noch jungen Kanton Graubünden war für heutige Verhältnisse fast unvorstellbar gross. Deren Bekämpfung zog sich durch alle Jahrzehnte hindurch und meistens standen guten Lösungsansätzen fehlende  finanzielle Mittel der Öffentlichkeit gegenüber. Die von 1837 bis 1857 von der Regierung eingesetzte „Cantonal-Armencommission“  führte eigentliche Feldstudien durch, erarbeitete Strategien zur Armutsbekämpfung und wies auch auf die schwierige Situation geisteskranker Menschen hin. Quelle: Joss Hans./Voegeli André, „Organisationsformen des Kantonalen Sozialamtes, Diplomarbeit in der FSO-Ausbildung an der Schule für Sozialarbeit, Zürich 1988.

[8] Die Gründungsgeschichte der Klinik Waldhaus, über Dr. Friedrich Kaiser, Baron von Loë, über Baupläne, Behandlungsmethoden, Eröffnung, und vieles weitere informiert die ständige Ausstellung in der Psychiatrischen Klinik Waldhaus. Wer diese Ausstellung mit interessanten Details besuchen will, kann sich bei der Loge im Waldhaus melden und die Schlüssel für die Ausstellung im 3. Obergeschoss verlangen.

[9] Pieth, a.a.O. S. 503

[10] Gemäss dem Bundesamt Amt für Statistik beträgt die Teuerung von 1890 bis ins Jahr 2002 insgesamt 1’143%: Die jährlichen Mitgliederbeiträge von Fr. 1.- würden heute einem Betrag von Fr. 11.43 entsprechen. Der Hilfsverein spendete dem Bau der Klinik Waldhaus damals Fr. 118’700.-, ein Betrag, der heute einem Wert von Fr. 1’356’400.- entsprechen würde. Der Hilfsverein sammelte seit seiner Gründung im Jahr 1877 bis zur Abgabe seines Vermögens an den Bau der Klinik nach heutigem Wert ca. Fr. 100’000.- pro Jahr!

[11] Aufruf des Bündnerischen Hülfsvereins für Geisteskranke vom März 1889 zur Unterstützung der grossräthlichen Abstimmungsvorlage für den Bau des Waldhauses, unterzeichnet von Dr. Kaiser, Präsident, L. Bazzigher, Cassier, Th. Huonder, Domdecan, R. Grubenmann, Stadtpfarrer, F. A. Sprecher, Bürgermeister, Dr. E. Killias, Arzt, Dr. P. Lorenz, Arzt, D. Donatz, Actuar.

[12] Regierungspräsident Walser in der Eröffnungsansprache vom 29. Mai 1892; Quelle Der Freie Rätier vom 31. Mai 1892

[13] Dr. J. B. Jörger; 50 Jahre Anstalt Waldhaus, in Rätia, Zeitschrift für Kultur, 1941/42

[14] Ebenfalls geprüft wurden Standorte in Trimmis, Haldenstein  und in Tamins.

[15] Berichterstattung im Freien Rätier vom 31. Mai 1892, Nr. 127

[16] Die kantonale Irren- und Krankenanstalt Waldhaus bei Chur; Quelle: Lesebuch für die deutschen Primarschulen des Kantons Graubünden, 8. Schuljahr, Herausgegeben vom Kleinen Rat des Kantons Graubünden, Chur, 1898, Seiten 406 ff.

[17] Statuten vom 21.11.2982, Art. 1 ff.

[18] Ein Fotoportrait von Dr. Friedrich Kaiser hängt  in der permanenten Ausstellung in der Klinik Waldhaus.

[19] Dr. Kaiser hinterliess der Klinik Waldhaus nach heutigem Stand mit aufgerechneter Teuerung der Klinik Waldhaus mehr als eine Million Franken, dem Hilfsverein  mehr als Fr. 100‘000.-.

[20] Quelle: Bericht des Bündn. Hülfsvereins für Geisteskranke über die Jahre 1899, 1900, 1901 und 1902, Chur, 1903

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